Donnerstag, 28. November 2013

Revolutionäre nehmt die Scheuklappen ab

„Wer mit 19 kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Revolutionär ist, hat keinen Verstand.“ Den Ausspruch von Theodor Fontane kennen wir mittlerweile seit Jahrzehnten und in allen Facetten:Marxist, Kommunist, Sozialist. Aber eine Aussage wohnt allen inne: Idealismus gepaart mit ein paar fetten Scheuklappen für die Argumente andere, sind den Jugendlichen vorbehalten. Deswegen ist es auch in Ordnung, wenn eine Gruppe von Schülern den Gegnern der Moschee in Gohlis gegenübertritt und ein Plakat in den Händen halten auf dem steht: „Gegen Kleingarten im Kopf“. Witzig, spritzig, eindimensional.

Denn diejenigen, die gegen eine Moschee in ihrem Stadtteil sind, sind intolerant. Sind möglicherweise sogar Nazis. Ein Stempel, den man schnell Menschen aufdrücken kann und so galant der Pflicht entgeht, ihnen weiter zuhören zu müssen. Das dachte sich wohl auch Oberbürgermeister Burkhardt Jung, als er bei seiner Informationsveranstaltung zum Moscheebau, Rednern, die er dem Anti-Moschee-Lager zuordnete oder die einfach unbequeme Fragen stellten, das Mikro leiser drehte. Das hatte mit Demokratie nichts mehr zu tun. Da versteckt man sich unter dem Mantel dieser, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, in denen sich schon manche, um Kopf, Kragen und Amt geredet haben.

Sicher, aufgespießte Schweineköpfe, wie sie vorletzten Donnerstag auf dem Gelände der geplanten Moschee aufgefunden wurden, sind indiskutabel und abartig. Und ja, man muss nicht den Argumenten der Schweineaufspießer lauschen. Aber Diskussionen zu einem unliebsamen Thema muss eine Demokratie vertragen. Doch wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Eva Herrmann erst in eine Talkshow eingeladen und dann hochkant rausgeschmissen wird, in der man den NPD-Vorsitzenden Holger Apfel in eine Politrunde holt und ihm dann sagt, man möchte ihm keine Plattform bieten, in dem man Thilo Sarrazin wünscht,  der nächste Schlaganfall solle sein Werk bitte vollenden.

Ist das noch Demokratie? Die Scheuklappen gegen Argumente anderer haben längst nicht mehr nur die revolutionären Jugendlichen auf. Man findet sie in allen Altersgruppen. Es ist als würde ich meinen Mann zu Hause anketten und mir dann denken, er würde mich lieben, weil er ja nicht fremdgeht. Dabei muss man ihn auch mal von der Leine lassen, um zu sehen ob er abends nach Hause zurückkehrt. So ist es mit der Demokratie. Wenn jede Diskussion sofort unterbunden wird, dann formt sich irgendwo Unmut, Trotz, Aggression, die sich möglicherweise nicht mehr auffangen lässt. Deswegen: Revolutionäre nehmt eure Scheuklappen ab und unsere Demokratie wird gestärkt daraus hervorgehen.


1 Kommentar:

  1. Ein schwieriges Gebiet; ich würde den Begriff Demokratie in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Das Mikrophon beim politischen Gegner leiser drehen sind schlechte Manieren (oder Stil), aber kein Mangel an Demokratie.
    Nicht einmal an Demokratieverständnis, weil es dafür gereifte Menschen braucht. Unreif wäre also passender.
    Holger Apfel und seine NPD fällt ein ein wenig in die selbe Kategorie wie die Schweinekopfaufspießer – muß ich mich wirklich inhaltlich mit Neonazis auseinandersetzen? Reicht da nicht auch ein Geschichtsbuch?

    Der Fisch stinkt vom Kopf, wie es so schön heißt. Nicht nur die gerade abgeschlossenen Koalitionsverhandlungen zwischen der Union und der SPD sind schöne Zeugnisse dafür, wie der Begriff Demokratie unter die Räder kommen kann. »Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit (Art.21 GG).« Und der lautete »eine rot-grüne Opposition (im günstigsten Falle Regierung)«: Damit trat man zur Wahl an und nicht die große Koalition. Der Geruch der gut gefüllten Futtertröge der Regierungbänke siegt – nicht der Wille des Wählers.

    Man behandelt Themen und Gesetzesvorlagen, von denen ein großer Teil vorm Bundesverfassungsgericht scheiterte – sind die wirklich nicht imstande, grundgesetzkonforme Gesetze zu beschließen? - oder Beschlüssen, die in ihrer Auswirkung mindestens dem Geist der Verfassung widersprechen (Hartz IV, Vorratsdatenspeicherung). Da scheint ein grundsätzliches Missverständnis zu bestehen.

    Es wäre vielleicht einmal an der Zeit, wieder über den tieferen Sinn von Demokratie zu sprechen. Unter Umständen muß man sich dabei von einigen liebgewordenen Angewohnheiten trennen. Davon aber ist fast nichts auf weiter Flur zu hören. Kurioserweise tönte die lauteste und bedenkenswerteste Stimme ausgerechnet aus Rom – vom Papst mit seinem apostolischen Schreiben »Evangelii Gaudium«.

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